Und immer wieder Tschernobyl im Kopf…

Gelegentlich gibt es Anlass, an die AKW-Katastrophe 1986 zu denken – auch jetzt wieder.

Am 9. Februar 2017 wurden die Bewohner von Flamanville in der Normandie von einer Explosion aufgeschreckt. Im Maschinenraum des dortigen Atomkraftwerkes brach ein Feuer aus, bei dem fünf Arbeiter Rauchverletzungen erlitten. Einen Unfall im Nuklearbereich habe es nicht gegeben, versicherten die französischen Behörden. Trotzdem dachte auch so mancher Wesermärschler sofort wieder spontan an Tschernobyl – und daran, dass er mit dem Atomkraftwerk Unterweser in Kleinensiel eine Anlage vor der Nase hat, in der es bereits einige Störfalle gab.

 

Radioaktive Wolke machte sich in Europa breit

 

In Tschernobyl nahe der ukrainischen Stadt Prypjat explodierte am 26. April 1986 ein Reaktor und ein schwerwiegender Brand entstand. Die internationale Bewertungsskala für nukleare Ereignisse kennt sieben Stufen. Die höchste ist der „katastrophale Unfall“ und nach der Havarie in Tschernobyl wurde sie zum ersten Mal in der Geschichte der Atomenergie festgelegt. 

Mehrere Tage lang trat Radioaktivität aus, ohne dass die einheimische Bevölkerung von der Regierung der Sowjetunion gewarnt worden wäre. Damals herrschte mehr oder weniger Kalter Krieg: Die Blöcke des Westens und des Ostens standen sich  unversöhnlich bis feindselig gegenüber. Das machte es der Sowjetunion schwer, den so genannten Klassenfeind rechtzeitig sachgerecht zu informieren, wo doch selbst die eigene Bevölkerung längere Zeit im Unklaren gelassen worden war.

Doch auch der deutschen Regierung wurde oft vorgeworfen, zu spät gewarnt und das ganze Ausmaß verharmlost zu haben. In der ersten Zeit nach dem Bekanntwerden des Super-GAU in Tschernobyl aßen deutsche Politiker demonstrativ Salat und tranken Milch. Bald darauf trauten sie sich das jedoch anscheinend nicht mehr.

Eine radioaktive Wolke machte sich in Europa breit; ihr Inhalt verteilte sich per Regen über die Erde. Nach und nach wurde den Menschen in Deutschland bewusst, wie sehr der Super-GAU im fernen Osten ihren Alltag negativ beeinflussen würde. Die Strahlung von Tschernobyl ist übrigens selbst heute noch in der Bundesrepublik problemlos messbar.   

 

Strahlenmess-Rekord in Fukushima

 

Auch in der Wesermarsch erinnern sich viele der älteren Bürgerinnen und Bürger noch daran, dass es damals empfohlen wurde, nicht durch den Regen zu laufen, Kinder auf keinen Fall im Sandkasten spielen zu lassen und bestimmte Lebensmittel am besten zu meiden. Schüler durften nicht auf den Schulhof, Pilzsammler mieden den Wald oder suchten sich ein neues Hobby. Die Grundstimmung unter den Menschen war ängstlich, mitunter panisch.

2017, 31 Jahre nach Tschernobyl, wird in der Wesermarsch mit langsamem Tempo das letzte Kapitel in der Geschichte des Atomkraftwerkes Unterweser geschrieben.

Das erste Kapitel datiert vom September 1978. Damals speiste das AKW Unterweser zum ersten Mal Strom in das öffentliche Netz ein, war das leistungsstärkste Atomkraftwerk der Welt und ist sein Leben lang sehr produktiv geblieben. Mit 305 Milliarden Kilowattstunden erzeugten Stroms errang das AKW Unterweser einen Weltrekord: Keine andere Einzelblockanlage erzeugte bis zu diesem Zeitpunkt mehr Strom.

Mit der Lieferung von Wärme und Strom war am 18. März 2011 um 3.33 Uhr Schluss. Die Anlage wurde abgeschaltet. Seitdem wird das Atomkraftwerk Unterweser „abgewickelt“.  10 bis 15 Jahre dürfte der Rückbau der eigentlichen Anlagenbestandteile dauern.

Das Aus für das Atomkraftwerk Unterweser und die anderen Atomkraftwerke in Deutschland – es war eine Reaktion auf die Vorfälle im japanischen Fukushima: Im März 2011 waren gleich drei Reaktoren des Atomkraftwerkes von einer Kernschmelze betroffen, nachdem das asiatische Land von einem schweren Erdbeben und einem Tsunami erschüttert worden war. Ähnlich wie bei Tschernobyl sind auch die Langzeitfolgen von Fukushima messbar und spürbar: Fast am selben Tag des Zwischenfalls in Flamanville wurden im havarierten Atomkraftwerk Fukushima mit 650 Sievert so hohe Strahlungen gemessen wie seit der Katastrophe nicht mehr; das höchste, was zuvor gemessen worden war, waren 73 Sievert. Bei sechs Sievert fällt ein Mensch sofort um.